IGP Obmann, Dr. Stockmar

Ohne Betriebsmittel ist Landwirtschaft am Ende

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Aktuell erweckt sich der Eindruck, dass die Diskussion über Landwirtschaft vor allem jene führen, die nicht in der Landwirtschaft oder in der unmittelbaren Wertschöpfungskette tätig sind. Daher wird die Versorgungsdiskussion in Europa momentan als Luxusdiskussion geführt, denn die geäußerten Forderungen berücksichtigen nicht die aktuelle Faktenlage: Die Weltbevölkerung steigt auf neun Milliarden Menschen im Jahr 2050. Die Ackerflächen hingegen können nicht beliebig weiter steigen. Auch der Klimawandel mit zunehmenden Wetterextremen und sich ausbreitenden Krankheiten und Schädlingen stellt die Landwirte zunehmend vor Herausforderungen, denen sie mit dem aktuellen Werkzeugkasten an Betriebsmitteln nicht mehr gewachsen sind.

Für die Hersteller von Pflanzenschutzmitteln wird es parallel dazu zunehmend schwieriger, die durch einen EU-Wirkstoffkahlschlag entstehenden Indikationslücken zu schließen. Dem Landwirt stehen dann für einige Kulturen und Anwendungen keine geeigneten Pflanzenschutzmittel zur Verfügung. Die Lücken werden künftig etwa durch die Anwendung nicht ratifizierter Leitlinien wie dem Bee GuidanceDocument, einer politisch und nicht wissenschaftlich erstellten Substitutionsliste oder dem Wechsel auf den gefahrenbasierten Ansatz massiv ansteigen.

 EU-Kahlschlagstrategie schadet Forschungsstandort Europa

Es entsteht insgesamt das Gefühl, dass bei regulatorischen Änderungen und beim Zulassungsprozess von Wirkstoffen nicht mehr wissenschaftliche Fakten sondern vielmehr Kampagnen von NGOs der Vorzug gegeben wird. Dadurch dauert die Entwicklung eines Wirkstoffs aktuell ca. 13 Jahre. Vor 20 Jahren waren es noch rund acht Jahre. Die Entwicklungskosten haben sich in diesem Zeitraum auf 280 Millionen Euro pro Produkt verdoppelt. Pro Jahr wird deshalb im Schnitt nur mehr ein Wirkstoff zugelassen, während mit dem Umstieg auf den gefahrenbasierten Ansatz mit einem Schlag 75 Wirkstoffe von einem Verbot bedroht sind.

Der Europäischen Kommission muss klar sein, dass ihre aktuelle Strategie zum Ende der kleinstrukturierten Landwirtschaft in Europa führt: Die FAO belegt dies mit Zahlen vom November 2015, wonach die landwirtschaftlich genutzte Fläche in der EU von 2003 bis 2013 zwar konstant geblieben, die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe jedoch um mehr als ein Viertel gesunken ist.

Daher lautet der Appell der IndustrieGruppe Pflanzenschutz (IGP), die Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung in Europa zu verbessern, um mit innovativeren und besseren Lösungen die bestehenden Wirkstoffe zu ergänzen und zu ersetzen – seien es biologische oder konventionelle. Denn eins muss auch klar sein: Je weniger Wirkstoffe verfügbar sind, desto schneller breiten sich Schädlinge und Krankheiten aus. 

 Landwirtschaft muss geeint auftreten

Die IGP schließt sich aber dem Tenor von Bio gegen integrierte Landwirtschaft nicht an sondern ist vielmehr der Überzeugung, dass Landwirte beider Bewirtschaftungsformen voneinander lernen und die zeitgemäße Landwirtschaft hinsichtlich Ertrag, Qualität oder möglichst gesunden Lebensmitteln gemeinsam optimieren sollten. Und sie sollten auch gemeinsam die Kommunikation der Landwirtschaft verbessern, um den Menschen Vor- und Nachteile der Bewirtschaftungsformen zu vermitteln. Nur dann sind Menschen nicht mehr anfällig für die Argumente all jener, die eine Luxusdiskussion führen wollen und von einer Mythenbildung profitieren.